Zwischen SEIN
Wir leben zwischen Vollwaschmittel und Gardinenweiß, Parkettpflege und Pantoffeln für den Hausgebrauch. Die Zeit der Verachtung ist vorbei. Angekommen im echten Leben, im Normfinden der eigenen Identität, am Ende der Rebellion, des Aufbegehrens und der Illusion anders sein zu wollen. Plötzlich ist die Adventszeit besinnlich, der Glühwein schmackhaft und die selbstgebackenen Plätzchen heilig. Wie Dreck wirkt die Vergangenheit, die da mit ganz anderen Idealen spielte. Ein ungebremster Schatten, der noch lange nicht stillsteht, weil das Herz stets einen Schritt weiter schlägt und immer wieder, weiter, höher ist. Die Zeitlupe verlangsamt nur das Sterben auch wenn die Zeiger sich schneller bewegen. Innerlich tot oder ausgebrannt? Dem Plätzchenmännchen fehlt ein Arm, man isst es trotzdem, keine Spur von Mitleid, dem Elch fehlt das Geweih – er sieht aus wie ein Wildschwein, rapide Metamorphose der Mutationen, man isst es trotzdem, das Kind verhungert ungezeugt, man lebt trotzdem weiter. Was, wenn das Alter mich auffrisst, wenn meine Herkunft mich zermürbt und ich werde wie meine Eltern? Zwei Tage vor Weihnachten stelle ich mir solche Fragen, vielleicht, weil ich nicht die richtigen Weihnachtsgeschenke habe, vielleicht weil Marilyn Manson so herrlich morbide durch die Boxen dröhnt und mich glatte 12 Jahre zurückversetzt, vielleicht auch, weil Warten keinen Spaß macht – wie ein Ladebalken am PC, das Zuschauen ist entsetzlich, aber man kann es nicht lassen.
Die Waschmaschine steht, sie brummt – entsetzlich und ich müsste eigentlich Zähneputzen, es ist bereist 11:34 Uhr. Mittagszeit im Haus, doch keiner macht mit. Krieg müsste man sein, da gehen alle hin, auch wenn sie es nicht wollen. Widerwillig vergleiche ich Jetzt und Gestern, Heute und Morgen und bleibe am Endergebnis hängen wie die Maschine zwischen den Programmen. Ein Wechsel ist unabdingbar, weil die Programmierung stimmt und ein kurzzeitiges Ausschalten führt nur zur Stundung der Ereignisse. Zukunft scheint nur mittelbar einflussfähig zu sein und eigentlich entkommt man ihr nicht.
11:42 und die Zähne sind geputzt, vor dem Haus hat gerade ein rüstiger Alter im aufgemotzten Golf GTI geparkt, ein Auto, das eher nach seinem Enkel aussieht. Stolz wittert er die Blicke der Anrainer und geht noch einmal eine Runde. Ich ignoriere ihn, das Rudelführerprinzip – Aufmerksamkeit gewähre ich und lasse mich nicht dazu auffordern. Apropos Auffordern, die Maschine kündigt ungefragt durch lautes Piepen ihr Ende an und ich muss sie entleeren. Bewegungsabläufe, die mir nicht fremd, aber unheimlich sind, fördern sie doch stumpfe Monotonie im Alltag, doch diese ist längst eingetreten. Freie Tage wirken wie Oasen bis sie vorbei sind, dann sind sie nur noch die Vasallen der Arbeitswoche. Was man von ihnen hat? Mehr Schlaf, weniger Zeit, die Hoffnung auf Erholung und ein ausgedehntes Frühstück.
11:50 Uhr. Dieser Text fängt an mich langweilen, vielleicht sollte ich den Fernseher einschalten, das Gehirn aus und einfach vegetieren, ist ja mein freier Tag, den muss ich genießen. Der Ladebalken ist halb voll und das ganze Leben noch vor mir. Gardinenweiß und Parkettpflege runden das Inventar nur ab. Ich ergebe mich genüsslich den nächsten Tagen und Weihnachten wird weiß. Coma white world singt Manson, von mir aus. Im Koma sind hier sowieso schon alle.