The Great(er) Park
Ida Nowhere, Donaustraße 79 im erwachenden Neukölln-Nord – ist das noch Nord-Neukölln oder schon Süd-Kreuzberg? Die Grenzen verschwimmen, nicht nur innerstädtisch, sondern auch kulturell-kreativ. Zwischen Casinos, Handyshops, anatolischen Schnellimbissen und osmanischen Lebensmittlern existierte für den Abend des 27.03.2010 eine Zelle berlinischer Musikkultur, die wie ein Glühwürmchen durch die junge Nacht waberte und ganz heimlich unter die harte Asphaltkultur dieser Stadt kroch.
Den Anfang macht eine Künstlerin, die erfrischend und zugleich vertraut und altbekannt klingt. Famos, dass dieses Konzert beinahe ohne elektrische Verstärkung auskommt – vom dezenten Licht mal abgesehen. Vor dem Auditorium der 20-30 Menschen steht eine junges zierliches Mädchen mit Gitarre, das eine ungeheuer kraftvolle Stimme entwickelt und ihre lyrischen Texte zärtlich und gefühlvoll vorträgt. Die Zuhörer sitzen auf Holzkisten, alten Hollywoodschaukeln, Stühlen jeglicher Couleur oder traditionell auf dem Fußboden und lauschen innig. Eine Stille, die auch nach vorne in den Barraum wandelt und sich den Weg nach draußen bahnt. Fee Reega schafft den schmalen Gang zwischen Einfachheit der Musik und Tiefgründigkeit der Lyrik. Textlich versinkt man mit jedem Vers während die simple Begleitung auf der Konzertgitarre stets den Kontakt hält und ein weiteres Abgleiten verhindert. Nach dem letzten Klang ihres Liedes, legt sie die Gitarre beiseite und nimmt schlicht im Publikum Platz, als wäre sie Gast nicht Artist. Sympathisch und unaufdringlich berührend.
Pause – die Leute schleichen aus dem Konzertraum zur Bar, auf Toilette, zum Suppentopf oder nach draußen. Ein Gespräch mit Fremden hier und da, die Stimmung ist ungezwungen heiter und aufgeschlossen.
Ein gläsernes Schlagen läutet den zweiten Gast des Abends ein. The Great Park - Stephen Burch. Er beginnt wie Fee Reega endete – er entert das Podest und beginnt zu spielen. Sofort kommen mir Assoziationen – Current 93, Neofolk der frühen 80er in GB, die Postpunk-Bewegung, die in diversen Strömungen endete. Das angenehme Englisch von Stephen macht seine Musik so ausdrucksstark und faszinierend und man übersieht beinahe die doch recht gleichartige Struktur der Lieder. Stets wird aus der Ich-Perpektive erzählt und philosophiert, die Melodie-Bögen sind wenig variabel, aber nicht eintönig. Das Publikum ist The Great Park ausgeliefert wie ein Kind dem Geschichtenerzähler, es lauscht der Mannigfaltigkeit der Sprache und dem zitternd melancholischen Grundgerüst seiner Musik. The Great Park ist Irland in Berlin und Berlin aus Irland, eine Mischung, die dem Abend gut stand und dem Ida Nowhere sowieso.
Gilt zu hoffen, dass die Donaustraße 79 auch weiterhin mit solch interessanten Acts aufwarten kann und wer seine Gäste auf einem Samstagabend mit freiem Eintritt und sehr humanen Getränkepreisen lockt, dem sei eine goldene Zukunft beschienen.
Jan T